Berlin · Alltägliches
Sommerklänge

Blick vom Balkon
In meiner Straße gibt es jetzt eine Baustelle. Der Fahrbahnbelag wurde ja erst vor kurzem erneuert, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, alles wieder aufzureißen, um neue Abwasserrohre zu verlegen. Natürlich ist der gesamte Straßenzug Parkverbot und Sackgasse.
Die Bauarbeiten finden Werktags von 6 bis 22 Uhr statt, bis in den Sommer hinein. Das wird sicher ein Spaß. Neben zarten Kettensägenklängen um 21 Uhr abends, wenn Holzverschalungen zurechtgesägt werden, ertönen morgens um 6 Uhr auch noch liebliche Hammerschläge, wenn mit einer riesigen Ramme Spundwände in die Erde gehämmert werden. Da lacht das Herz! Besonders, wenn tagsüber keine Menschenseele auf der Baustelle anzutreffen ist.
Kürzlich haben sich allerdings Anwohner beschwert und die Polizei gerufen, wegen der frühen und späten Lärmbelästigung. Es darf jetzt nur noch von 7 bis 18 Uhr gearbeitet werden. Natürlich wurde vom Verantwortlichen gleich verkündet, daß sich die Bauarbeiten infolgedessen bis Jahresende hinziehen werden. Herzlichen Glückwunsch!
Seit neuestem sind die Grabungsarbeiten bis vor meine Haustür vorgedrungen und unter meinem Balkon säuselt nun Tag und Nacht sehr lautstark eine große Pumpe, die unentwegt Grundwasser aus den Gräben pumpt. Solang es kühl ist, stört es ja nicht, da sind die Fenster ohnehin geschlossen, aber über den Sommer wäre diese Situation eher ungünstig. Für den Fall braucht man einfach nur den ungesicherten Drehstromstecker aus der Pumpe zu ziehen um am Morgen zu beobachten, wie die Arbeiter ratlos vor ihren randvoll bewässerten Gräben stehen. Merkwürdigerweise wurde genau dann, als die milden Tage begonnen, die Pumpe ans Ende der Straße verholt und mit langen Zuführungsrohren versehen.
Inzwischen haben sich die Arbeiter neue Wege gesucht, mich aus dem Schlaf zu holen. Verladearbeiten finden grundsätzlich unter meinem Fenster statt, wobei Schutt und Steine aus möglichst großer Höhe in einen leeren Container gekippt werden. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie der Bauherr jede Woche im Anzug und mit einer Karte durch die Straße stakst und die Arbeiter präzise darauf hinweist, wo sich mein Schlafzimmerfenster befindet. Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn dann freundlich winken und zu seinem Mercedes zurückschlendern.
Ich bin mir ziemlich sicher, daß hinter der nächsten Ecke bereits ein Bauteam der Telekom darauf wartet, daß die Straßendecke wieder geschlossen wird, damit neue Leitungen verlegt werden können. Aber erstmal sehen, wie der Sommer 2008 so wird.
Jan • 5.5.2008, 6:12 Uhr • Kommentare: 5
Fotografisches · Berlin · Früher
Spurensuche

Rostocker Stadtleuchte RSL1
Seit vor fast 18 Jahren die DDR begraben wurde, versucht man in Berlin offenbar alle Spuren des alten Regimes verschwinden zu lassen. Nimmt man sich einen alten Bildband von Ostberlin und vergleicht mit dem heutigen Zustand, stellt man schnell fest, daß selbst Kleinigkeiten ausradiert und durch was neues, aber meistens nicht besseres ersetzt wurden.
Es fängt schon unter den Linden an, wo sämtliche Sechzigerjahre-Straßenlaternen entfernt und durch furchtbar häßliche, auf altberlinerisch getrimmte Retro-Laternen ersetzt wurden. Die Gehwegplatten auf dem breiten Mittelstreifen wurden ausgegraben und stattdessen ein unschön aussehender gelber Schotter verstreut, der im Sommer einen hübschen orangefarbenen Staub aufwirbelt und im Winter dicke, harte Schlammklumpen an den Schuhen hinterläßt.
Der Alexanderplatz, der früher einmal sehr charakteristisch in verschiedenfarbigen, großen Kreisen gepflastert war, hat nun graue, häßliche Betonplatten bekommen und die letzte freie Ecke vor dem Haus des Lehrers wird zugebaut, um dafür zu sorgen, daß auch ganz sicher keine Sonne mehr auf den Alex scheint. Daß der zeitlos schöne Palast der Republik in einem jahrelangen Prozess der Geldverbrennung zu einem rostbraunen Stahlgerippe mutiert ist, das bald endgültig verschwunden sein wird, ist nun weißgott keine Überraschung mehr.
In den letzten Jahren sind nach und nach alle Reliquien beseitigt worden und wenn man heute durch Berlin läuft, sucht man vergebens nach Zeitzeugen und Symbolen, die die Erinnerungen ankurbeln. Aber es ist noch nicht alles verschwunden. Es gibt sie noch, die alten Rostocker Stadtleuchten oder die großen, tropfenförmigen aus silbernem Blech. Man kann auch das eine oder andere Mosaik entdecken oder kunstvoll verzierte Neubau-Türen.
Kürzlich war ich mit meiner Kamera unterwegs und habe einige schöne Überbleibsel festgehalten. Wer die Augen offen hält und sich umschaut, wird noch überraschend viele Details entdecken, auch ich sehe jeden Tag neue Sachen. Die angefügte Fotosammlung enthält ausschließlich Aufnahmen von März 2008 mit dem erklärten Ziel, daß nicht sofort erkennbar ist, daß sie nach der Wende aufgenommen wurden. Das wird nicht die letzte Galerie zu diesem Thema sein.
Jan • 19.3.2008, 6:34 Uhr • Abbildungen: 22
Berlin · Alltägliches
Neulich im Wartezimmer

Eine Frau, etwa anfang Sechzig, kommt herein und grüßt, ihr Mann gleich hinterher, grüßt ebenfalls. Die Frau schubst ihren Gatten sanft rüber zu dem Stuhl, der direkt vor der Tür zum Röntgenraum steht.
»Setzt Du Dich dort hin?«
»Naja, wenn ich da nicht im Weg sitze...«, in diesem Augenblick kommt die Schwester aus dem Röntgenraum heraus, teilt dem Ehepaar mit, daß sie noch etwas warten müssen und verschwindet wieder. Die Frau hängt ihre Jacke umständlich über die Lehne des anderen Stuhls, platziert einen blauen, knisternden Stoffbeutel außerordentlich sorgfältig auf der Sitzfläche und stellt sich daneben. Dann geht sie ein paar Schritte hinüber zum unbesetzten Schwesternschreibtisch, dann wieder ein paar Schritte zur Wand, wo eine Reihe von Bilderrahmen mit Postern und Zeitungsausschnitten von Gérard-Philipe-Filmen hängen.
Ihr Mann sitzt inzwischen ganz ruhig und entspannt auf seinem Stuhl und liest wortlos in einem Bündel Datenblätter und Artikel über Antennentechnik, die mit einem Aktendulli zusammengeheftet sind. Fast beiläufig redet die Frau mit einem der Bilder an der Wand, meint aber offensichtlich ihren Mann: »Ich muß jetzt erstmal eine Weile stehen. Ich hab im Auto so viel gesessen. Ich will mir jetzt nicht die Beine in den Bauch sitzen.« Ihr Mann ignoriert die völlig verunglückte Redewendung, die normalerweise beim Stehen verwendet wird. Und weil ihn diese ungefragte und belanglose Information offenbar wenig interessiert, entgegnet er nur trocken: »Ich kann ja das Bodenblech vom Auto heraustrennen - dann kannst Du während der Fahrt laufen!« Die Frau atmet nur schwer und sagt schließlich: »Sei froh, daß ich dazu jetzt nichts sage.« Und weil sie das Klisché auch in jeder anderen Hinsicht erfüllt, fügt sie gleich noch eine Ermahnung hinzu, die nicht das geringste mit der Sache zu tun hat: »Du hast Deine Tasche da so hingeworfen, vergiß sie nachher blos nicht!« und deutet dabei auf einen kleinen schwarzen Beutel der neben ihres Mannes Stuhl auf der Erde liegt. Er murmelt nur »Nee nee«, ohne von seiner Lektüre aufzublicken.
Die Frau steht nun vor dem Stuhl mit ihrem Beutel und beginnt, an der Jacke zu zupfen, die noch immer über der Lehne hängt. Sie entfernt einen unsichtbaren Fussel vom Revers, zieht die Kragenbändsel auf beiden Seiten gleichlang und richtet sorgfältig den Kragen, als ob die Jacke gerade von jemandem getragen würde. »Beate will nun doch heute zum Weihnachtsmarkt. Mit dem kleinen Christian. Der bekommt dann aber keine Kekse mehr.« sagt sie nach einer längeren Pause zu ihrem Mann. Der jedoch erwidert nur »Dann kannst Du ja die Kekse alle alleine essen.« und widmet sich augenblicklich wieder dem offenbar sehr interessanten Artikel auf seinem Schoß.
Langsam geht sie wieder zu der Wand mit den Zeitungsausschnitten und liest einen Artikel nach dem anderen aufmerksam durch. Nachdem sie alle Bilder wie in einem Museum abgearbeitet hat, sagt sie »Schön, daß diese alten Filme noch gezeigt werden, den hier hab ich immer sehr gern gesehen.« Sie hat wohl nicht gemerkt, daß die Artikel und Poster schon etwas älter sind und daß es wohl nicht mehr viele Orte gibt, an denen diese Klassiker noch gezeigt werden. Ihr Mann reagiert nicht; er fühlt sich vermutlich nicht angesprochen, da sie ja wieder mit den Bildern geredet hat. Scheinbar unbeeindruckt geht sie zu ihrem Stuhl und widmet sich dem so sorgsam platzierten Stoffbeutel, streicht ihn glatt, zupft mal hier, mal dort, nimmt ihn vorsichtig hoch und legt ihn zwei Millimeter weiter links wieder auf die Sitzfläche, um ihn dann abermals glattzustreichen und zu zupfen. Dann nimmt sie ihn wieder hoch und trägt ihn hinüber zum Tisch mit den Zeitschriften, legt ihn dort ab und versucht im gleichen Augenblick, eine Zeitung darunter hervorzuziehen. Während sie umständlich hantiert, schiebt sie den Beutel nochmal ein Stück weiter zum Rand des Tisches und beginnt schließlich in einer Ausgabe GEO zu blättern.
»Wir könnten ja auch mal auf den Weihnachtsmarkt gehen. Ein paar Lose kaufen oder so.«
»Nee, ganz bestimmt nicht! Da kann ich auch gleich das Fenster aufmachen und mein Geld da rauswerfen, dann kann ich es wenigstens klimpern hören!«
»Aber vielleicht gewinnst Du ja was großes? Ein Stofftier oder so.«
»So? Und was soll ich damit?«
»Na als Erinnerung!«
Mit einem genervten Blick und strafendem Schweigen widmet sich der Mann wieder seinem Artikel. Das Telefon klingelt. Da die Schwester aber offensichtlich im Behandlungszimmer zu tun hat, bleibt es unbeantwortet. Es klingelt noch weitere drei Male, als die Frau zu ihrem Mann sagt: »Der Florian wäre längst rangegangen.«
Der Mann grunzt nur leise ohne aufzublicken.
»Der Florian geht immer sofort ans Telefon« sagt sie und kichert. Auch das bleibt unbeantwortet.
Die Tür klickt und ein weiterer Patient betritt das Wartezimmer, grüßt freundlich, wirft einen Blick in die Runde und sucht nach freien Sitzplätzen. Die Frau steht auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes am Fenster vor einem freien Stuhl und sagt »Setzen Sie sich ruhig hin! Kümmern Sie sich nicht um meine Jacke.« während sie auf den von ihr belegten Stuhl neben ihrem Mann deutet und vor dem leeren Stuhl am Fenster stehen bleibt. Der neue Patient erwidert leise »Hier ist doch genug Platz!« und setzt sich auf die Couch. Die Frau geht zu ihrem Stuhl zurück, nimmt ihre Jacke von der Lehne, geht rüber zu dem freien Stuhl am Fenster und beginnt wieder damit, alles sorfältig und ordentlich über der Lehne zu drapieren. Ihr Mann liest unbeeindruckt seine Zettel. Schließlich setzt sie sich hin.
Jan • 27.2.2008, 6:46 Uhr • Kommentare: 4
Berlin · Alltägliches
Zu Besuch beim Support

Support: fehlgeschlagen
Nachricht an Support: Hallo, ich möchte bei Ihnen Downloaden: Fritz Werner - Mein kleiner Kater Nicki. Sie bieten 4 verschiedene Versionen an. Was »Karaoke« ist, weiss ich: nur Instrumental. Aber was bedeutet 2 X »Lucky Kids Version« und 1 X »Solo Version«? Schöne Grüsse!
Antwort von Support: Hallo, ich denke mal, daß die »Solo Version« die richtige Fassung des Stücks ist. Jedenfalls ist sie von der Spielzeit her identisch mit der Karaoke Fassung.
Wie ja schon bemerkt, ist »Karaoke« was zum Mitsingen. Welche musikalische Intention sich aber hinter der »Lucky Kids Version« verbirgt, wird wohl nur der Produzent von EMI Deutschland selber wissen. Wahrscheinlich eine musikalische Bezugnahme auf lustige Kinder. Grüße!
Jan • 30.1.2008, 7:32 Uhr
Kurioses · Berlin
Eis essen

Reingequetscht!
In der Wühlischstraße in Berlin gibt es eine Eisdiele mit dem treffenden Namen »EIS«. Zumindest steht das draußen auf dem Schild. Tatsächlich heißt diese Diele »Caramello Eis«, was jedoch nichts oder wenig damit zu tun hat, daß das Eis eines der besten in Berlin ist. Die Sorten echten Eises sind ebenso exotisch wie lecker und variieren fast täglich. An schönen Sommerabenden kann man gegenüber in einem winzigen kleinen Park auf einer Bank sitzen, seine Eise schlecken und dem Treiben zuschauen.
Das Treiben sind nicht nur vorbeilaufende Menschen, die überwiegend aus Touristen, Punks und so merkwürdigen Alternativen mit Sandalen und um den Bauch geschnürten, bemitleidenswerten kleinen Babies bestehen, sondern auch Autos mit entnervten Fahrern, die unermüdlich ihre Runden drehen, auf der Suche nach einem Parkplatz. Nun ist das tatsächlich ein immer schlimmer werdendes Problem. Je später der Nachmittag, desto angespannter wird die Parkplatzsituation. Fährt man auch noch einen langen Volvo Kombi, kann es manchmal wirklich schwierig werden.
Die Fahrerin des Volvos auf dem Foto fand diese zugegebenermaßen wirklich sehr große, eigentlich fast unglaubwürdig große, ja unverschämt große Parklücke, hielt daneben an, maß sie grob ab und startete den ersten Einparkversuch. Als das Heck auf dem Gehweg stand, fuhr sie wieder heraus und startete den zweiten Anlauf. Sie stand dann etwa anderthalb Meter vom Rinnstein entfernt und fuhr abermals heraus, um den dritten Anlauf zu starten. Auch dieser scheiterte und die arme Frau mit ihrem übergroßen Auto entschied sich, wegzufahren und eine größere Lücke zu suchen, vermutlich hatte sie eher soetwas wie zwei LKW-Parklücken hintereinander im Sinn.
Nach Minuten des Kreisens kam sie wieder und hielt abermals bei dieser Lücke an. Es ist eigentlich ein Wunder, daß sie immernoch frei war. In ihrer Verzweiflung und offensichtlichen Unfähigkeit parkte sie schließlich vorwärts ein und ließ den Wagen so stehen, wie auf dem Foto.
Sie ist dann ein Eis essen gegangen, neulich in Berlin.

